WA(H)RE KUNST: KONZEPT

 

STATUS QUO

Der Begriff ‚Ware’ bezeichnete seit über zwei Hundert Jahren praktisch alles, was Gegenstand des Handels sein kann. Diese (neo-)liberale Definition der Ware als ökonomische Elementarform der Marktwirtschaft stößt in diesen Tagen an ihre physischen, politischen und ethischen Grenzen: Das globale Finanzsystem kommt ohne Staatshilfe scheinbar nicht mehr aus, während das Geld als Ware immer mehr an Wert und Vertrauen verliert. Die Preise von Kunstwerken erreichen gleichzeitig trotz künstlerischer Überproduktion ihre historischen Rekordsummen, welche wiederum die heutigen Kunsterzeugnisse als Spekulationsware für Langzeitanleger erscheinen lassen.

 

KÜNSTLER IM FOKUS

Wie reagieren Künstler auf diese unübersehbaren, und dennoch nach wie vor verschlüsselten Zusammenhänge? Was tun, wenn der Akt der Kunstproduktion selbst zu einem Akt des Shoppings geworden ist? Was tun, wenn die Kunstsammler und manche Kunstproduzenten auf ihrer Jagd nach neuen Sensationen und Provokationen gleichermaßen zu den Helden des Konsums geworden sind?

 

KUNST UND INTERPRETATION

Der Interpretationswert der ‚Ware Kunst’ scheint auf den ersten Blick der einzige Aspekt zu sein, der die Kunst noch vom (Börsen-)Spiel unterscheidet. Ist die Kunst heute etwa nur noch ein turbokapitalistischer Spielplatz für Erwachsene? Ist der Interpretationswert der Kunst denn tatsächlich der Unterschied, der den Unterschied macht? Hat der Interpretationswert überhaupt einen Informationswert, wenn die Kunst als Ware unter die Lupe genommen wird? Und macht es überhaupt Sinn, die Kunst auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen zu wollen, wenn das spielerische Prinzip, das ‚als ob’ und das ‚fake’ zur kurzweiligen Aufmerksamkeitslenkung weitgehend den Grundgehalt, die Substanz dieser Ware bestimmt?

 

KUNST UND AUFMERKSAMKEIT

Das oft auffällig ‚bunte’ und ‚plakative’ an der Kunst der Gegenwart hängt offenbar auch mit der marktwirtschaftlichen Erkenntnis zusammen, dass die Aufmerksamkeit der Menschen einen – inzwischen wohl den – ökonomischen Wert darstellt und dass die Kunst eine Ware unter unzähligen anderen geworden ist. Genauso wie die Ware als ökonomische Elementarform der Marktwirtschaft bisher jenseits von Gut und Böse definiert wurde, bedient sich auch die Spieltheorie vorzugsweise mathematisch-statistischer Formeln und missachtet systematisch die ontologische Differenz zwischen ‚wahr’ und ‚falsch’, zwischen ‚real’ und ‚virtuell’, zwischen ‚Ware’ und ‚Nicht-Ware’.

 

KUNST UND (ÄSTHETISCHES) SPIEL

Wo liegen dann in diesem Durcheinander die genuinen Kompetenzen und Verantwortlichkeiten des Künstlers und seiner Interpreten? Bezeichnet nicht gerade die Kunst dasjenige Feld, auf dem alle Mitspieler und Mitverantwortlichen aus ihren Verantwortlichkeiten entlassen sind? Besteht nicht gerade die Kunst des deregulierenden Kunst-Spiels darin, die eigenen Regeln (und damit die eigene Freiheit) zu verletzen? Wie verträgt sich nun die Rede von freier und spielerischer kreativer Tätigkeit und (ästhetischer) Vollkommenheit der ‚wahren’ Kunst mit der Gleichsetzung von Kunstwerk und Ware? Ist die Kunst nicht nur noch primär ein Wirtschaftszweig? Zirkulieren die Kunstwerke nicht in unserer Ökonomie wie jede andere Ware? Daraus würde folgen, dass jegliche ‚qualitative’ Unterscheidung zwischen üblicher Ware und Kunstwerk nicht mehr haltbar sei. Mit Blick auf die Geschichte der künstlerischen Ready-Mades von Duchamp bis Pop Art und darüber hinaus scheint in der Tat die Grenze zwischen Kunst und Ware längst verwischt worden zu sein. Die sich gegenwärtig weit über die Grenzen westlicher Gesellschaften hinaus verbreitenden Lebensformen wie Konsumismus und Massenkultur werden zu universal gültigen Kunstformen erhoben.

 

KUNST UND IHRE VERSCHWENDERISCHE (DENK-)ÖKONOMIE

Dennoch scheint die folgende Frage berechtigt: Reicht die Unmöglichkeit der ‚qualitativen’ Unterscheidung der Kunst von der üblichen Ware aus, um die Kunst restlos zu quantifizieren und damit zur berechenbaren statistischen Größe innerhalb der Ökonomie oder Spieltheorie werden zu lassen? Wenn ja, warum ist dies dann bislang den Ökonomen nicht gelungen? Die Bankiers scheitern immer wieder, wie die rezente Megapleite von Lehman Brothers überdeutlich zeigt, an ihrer uferlosen Gier – genauso wie die Kunstspekulanten. Die Kunst offenbart sich in diesem Umfeld – dem Spiel nicht unähnlich – vor allem durch ihre verschwenderische (Denk-)Ökonomie, oder, positiver ausgedrückt, durch ihren großzügigen Umgang mit den Ressourcen: keine Gier – kein Bedarf an Sparsamkeit und vice versa. Die ‚wahre’ Kunst und die Ware ‚Kunst’ erscheinen vor diesem Hintergrund als eine spielerische Allianz voller Ernst und Absicht, Aussage und Bedeutung und dennoch verkäuflich und berechenbar, wenn auch nur mit Blick in den Rückspiegel.

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Vielleicht sind wir sogar an dem Punkt angekommen, von dem aus zu erkennen ist, dass die Marktwirtschaft genauso wie die Kunst an die Grenzen der eindimensionalen, weil berechenbaren Logik der Programmierbarkeit gestoßen ist?

 

Slavko Kacunko