BORDER
Rand Grenze Rahmen

Der Kunstverein „concentArt“ stellt durch künstlerische Auseinandersetzungen, Methoden und Darstellungsformen gesellschaftliche Phänomene und Diskurse der Gegenwart in den Mittelpunkt seiner Ausstellungsarbeit. Nach den Themen „Sicherheit“ und „Wa(h)re Kunst“ widmet er sich für seine dritte Ausstellung dem Thema bzw. dem Begriff „Border“.

Der auch im Deutschen längst gebräuchliche Begriff Border steht mehr oder weniger für eine Bandbreite von Begrifflichkeiten ohne wirkliche Begrenzung und spielt in seinen deutschen Synonyma - Rand, Grenze, Rahmen - in unserem Alltag, möglicherweise gerade dadurch, eine Rolle.

Gegenwärtig, in der nach offiziellem Sprachgebrauch globalisierten Welt, werden Grenzen aufgehoben, werden Forderungen an die Politik erhoben Rahmen zu setzten, werden Ränder besetzt in der Gesellschaft. Der anglophone Begriff Border steht für all dieses und für weitere Zusammenhänge aus der Psychologie (borderline syndrom), der Ökonomie (cross border leasing) oder der Geographie (state border) beispielsweise. Wir leben nach Meinung von namhaften Soziologen in einer Zeit der Grenzenlosigkeit, der Entgrenzung, der Grenzüberschreitung, der Randexistenzen oder der Rahmenlosigkeit. Wir stossen an die Grenzen der Wahrnehmung, leben in unsichtbaren Grenzen, fallen aus dem Rahmen, oder stehen am Rande des Abgrundes.

Ränder definieren Objekte in ihren natürlichen räumlichen Eigenschaften und bilden zugleich bei Berührungen die Kontaktflächen zwischen verschiedenen Objekten. Sie sind in ihrer Grösse nicht eindeutig bestimmt, umfassen lediglich gewisse räumliche Eigenschaften.

Rahmen hingegen stellen eine künstlich hergestellte, Halt gebende Fassung zwischen Innen und Aussen dar, die beispielsweise einem Bild eine besondere optische Form verleihen (können), durch Überschreitung dieses Rahmens ein Kunstwerk auf besondere Weise aber in seiner Umgebung integrieren, oder die Umgebung in das Werk einbeziehen (sollen).

Von der Politik in einer demokratischen Gesellschaft wird erwartet, dass sie den Rahmen setzt, innerhalb dessen sich alle gesellschaftlichen Prozesse abspielen können und dürfen. Dieser ist insbesondere über Gesetze definiert. Die Bürger aber müssen diesen Rahmen ausfüllen durch ihr Handeln und durch ihre Entscheidungen. Nur durch ihre Initiative kann eine Gesellschaft kreativ und beweglich sein.


Für den Hirnforscher Ernst Pöppel (in seinem Werk „Der Rahmen. Ein Blick des Gehirns auf unser Ich“) stellt der Rahmen eine anthropologische, durch das Funktionieren des menschlichen Gehirns bedingte Universalie dar: „Die Maschinerie des Gehirns bewirkt, dass jeder mit einem Rahmen ausgestattet ist; doch was im jeweiligen Rahmen erscheint, ist individuell oder auch kulturell bestimmt.“ Ohne Rahmen geht gar nichts: Man kann nicht wahrnehmen und erleben, nicht denken und urteilen, nicht gehen oder stehen. Er ist die notwendige Bedingung, die sich ständig wandelnde Form individuellen Lebens: „... was immer wir im Bewusstsein haben, ist in einen Rahmen gestellt; weder gibt es einen leeren Rahmen noch gibt es ungerahmte Inhalte des mentalen Geschehens.“ Ihm denkend beizukommen, ist daher so leicht nicht: „Dies ist das Problem des Rahmens: er ist immer vorhanden, aber man weiss es nicht.“

Das Borderline Syndrom, auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt, ist die im psychologischen und psychiatrischen Umfeld am häufigsten diagnostizierte Persönlichkeitsstörung. Der Name der Störung, „Borderline“, bedeutet auf deutsch „Grenzlinie“ bzw. „grenzwertig“. Dies bezieht sich darauf, dass man die Störung früher in den Grenzbereich zwischen den neurotischen Störungen und den psychotischen Störungen eingeordnet hat, da man Symptome aus beiden Bereichen identifizierte. In der Psychotraumatologie zählt man das Symptombild zu den komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, die insbesondere in modernen stressgeprägten Industriegesellschaften in wachsenden Masse anzutreffen sind.

Topologisch definieren sich Grenzen als durch Flüsse, Gebirge oder politisch markierte Ränder von Regionen und Gesellschaften, die sich gegenüber Umgebung und Nachbarschaft räumlich Trennen. Dies bedeutet zugleich, dass die Öffnung von Grenzen Kontakte schaffen: friedlich zum Handel und zum kulturellen Austausch, mit Gewalt zur kriegerischen Eroberung.

Ökonomisch bedeuten Grenzen die Abschottung von Märkten, ihre Öffnung dient dem nachbarschaftlichen Handelsaustausch zu wechselseitigen Nutzen. Inwieweit dies auch die Prozesse einschliesst, die heute mit dem Begriff der Globalisierung benannt werden sei dahin gestellt, denn eine wirkliche Globalisierung würde eine Grenzöffnung bedeuten, die offene Handelsstrukturen zu fairen gleichrangigen Bedingungen zuliesse. Die Realität sieht jedoch lediglich eine Öffnung unter dem Primat des Kapitals vor, um billig an Rohstoffe heran zu kommen und eine günstige Exportbilanz für die Industriestaaten zu erreichen, die zu Lasten der industriell weniger entwickelten Staaten geht. Für die Emigration von Armen aus aller Welt werden gleichzeitig immer höhere Hürden – Grenzen also – errichtet.

Eine besondere Form des ökonomischen Austausches stellt das Cross-Border-Leasing dar. Es bezeichnet ein Leasing über Nationengrenzen hinweg. Leasinggeber und Leasingnehmer haben ihren Sitz also in steuerrechtlich unterschiedlichen Staaten. Aus der Internationalität der Verträge ergeben sich für Unternehmen umstrittene steuerrechtliche Möglichkeiten. Für öffentliche Körperschaften spielt vor allem die Angebotsvielfalt eine besondere Rolle. In der Regel wird Cross-Border-Leasing durchgeführt, um eine unterschiedliche Gesetzgebung in zwei Ländern zu nutzen und dadurch Steuern zu sparen bzw. zu vermeiden. Bekannt ist insbesondere dieses Verfahren mit den USA. Deren steuerliche Regelungen erlauben es, langfristige Miete wie Eigentum zu behandeln. Die Verträge werden in der Regel in New York abgeschlossen, da in diesem Bundesstaat Verträge auch dann noch Bestand haben, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass sie gegen geltendes Recht (in dem Fall US-Recht) verstoßen. In der gegenwärtigen Finanzkrise erweist sich dieses Verfahren inzwischen als tückisch.

Soziologisch bedeutet eine Entgrenzung die Aufhebung von privatem und öffentlichem Sein, von Privatleben und Erwerbsleben bzw. Arbeitsleben beispielsweise. Hierdurch wird die Verfügbarkeit der Lohnabhängigen uneingeschränkt und durch die sogenannte Flexibilisierung, wie sie der amerikanische Soziologe Richard Sennett (der flexible Mensch 1998) beschreibt, zu einer modernen Form der Sklaverei. Gleiches gilt für die Entgrenzung in der Informationsgesellschaft durch die uneingeschränkte mediale Verfügbarkeit.

Für den französischen Sozialphilosophen Jacques Derrida ist, insbesondere in seiner Schrift „Grammatologie“ (1974), die Erkundung der Grenze zwischen einem Innen und einem Außen, zwischen einer vermeintlich Sicherheit gebenden, sich um ein Zentrum herum strukturierenden Welt und einer offenen Sphäre des Anderen, ausserhalb Liegenden, ein leitendes Motiv seiner Arbeit. Derrida argumentiert gegen den dominanten Gestus, der Struktur im Sinne des Strukturalismus als inneren, ordnenden Zusammenhang zwischen den Elementen in einem Zeichensystem ein Zentrum geben zu wollen. „Dieses Zentrum hatte nicht nur die Aufgabe, die Struktur zu orientieren, ins Gleichgewicht zu bringen und zu organisieren (...), sondern es sollte vor allem dafür Sorge tragen, dass das Organisationsprinzip der Struktur dasjenige in Grenzen hielt, was wir das Spiel der Struktur nennen könnten.“ Das variable Motiv der Grenze soll nicht „festgestellt“ werden, sondern Ähnlichkeiten, Differenzen und auch Querverbindungen werden anhand unterschiedlicher visueller Texte aufgezeigt. Für Derrida ist Text „praktisch alles. Es ist alles, das heisst, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. Und diese Verweise bleiben nie stehen. Es gibt keine Grenzen der differentiellen Verweisung einer Spur auf die andere.“ Über die bisherigen Grenzen des philosophischen Denkens mittels differenzieller Verweisungen hinauszukommen, ist Derridas erklärtes Ziel: „Folglich setzt dieser neue Begriff des Textes, der ohne Grenzen ist, (...) voraus, dass man in keinem Moment etwas ausserhalb der differentiellen Verweisungen fixieren kann, das ein Wirkliches, eine Anwesenheit oder Abwesenheit wäre, etwas, das nicht es selbst wäre, markiert durch die textuelle différance.“

Es gibt Grenzen der Wahrnehmung, die jedoch überschritten werden können. Der Mensch sieht mehr Dinge, als sein Auge an Daten liefert. Der Mensch nimmt Materie fälschlicherweise als mit Stoff gefüllten Raum wahr. Das menschliche Auge sieht nur ein kleines Frequenzspektrum. Die Interpretation von Reizen und Gedanken ist mehrheitlich das Ergebnis unterbewusster konditionierender Programme. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sich selbst Wissenschaftler sehr schwer damit tun, Realität abseits von Paradigmen und eigenen Illusionen zu erforschen. Dass die menschliche Selbst- und Umweltwahrnehmung zu großen Teilen das Ergebnis einer Illusion ist gilt als eine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis.

Ebenso gibt es unsichtbare Grenzen. Wir haben u.a. die Erkenntnis, dass alles Leben Spiel ist, das in Spielräumen stattfindet – mit Zielen, Wünschen, Wichtigkeiten. Diese Räume haben Grenzen. Nicht nur Zäune, Mauern und Türen, sondern viel mehr eben unsichtbare Grenzen. Diese unsichtbaren Grenzen bestimmen unser Leben, unsere Realität, unser Sein in ungeahntem Masse. Unser größtes Gefängnis sind immer noch die Grenzen in unseren Köpfen, die es zu überwinden gilt.

Der Begriff Border und seine deutschen Entsprechungen im Titel des gleichnamigen Ausstellungsprojektes ist ein Angebot des Vereins „concentART“ an Künstler aller Genres, Medien, Darstellungs- und Ausdrucksformen sich produktiv mit gesellschaftlichen Realitäten auseinander zu setzen und sie sinnlich mit ihren künstlerischen Mitteln in Entsprechung zu dem Begriff Border erfahrbar zu machen.

 

Berlin, November 2008
für den Verein „concentArt e.V.“
Rolf Külz-Mackenzie

 

© Rolf Külz-Mackenzie, Berlin 2008